Die Afghanistan-Lüge, ZDF (44 min)

11 04 2010

Ein Film von Mathis Feldhof, Hans Ulrich-Gack, Andreas Huppert.

Vor ein paar Tagen zeigte das ZDF die Dokumentation mit dem Titel: „Die Afghanistanlüge – Die Soldaten, die Politik und der Krieg“. Ausgestrahlt wurde sie um 0.35 Uhr. Ein beunruhigendes Thema zu einer ruhigen Zeit, zu der die meisten Menschen unter der Woche bereits schlafen. Zentrale Aussage: Es ist eine Lüge, den Einsatz der Bundeswehrsoldaten „am Hindukusch“ als Stabilisierungs-Einsatz etc. zu verkaufen. Auch die jüngst noch von Außenminister Westerwelle verwendete Bezeichnung des Bundeswehreinsatzes als „international bewaffneter Konflikt“ sei verharmlosend, angesichts dessen, was die Soldaten tagtäglich erfahren. Bis dato  – seit über acht Jahren – wurde der Begriff „Krieg“ vermieden. Stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt, ist er durch die Berichterstattung zur Bombardierung afghanischer Tanklastwagen am 4. September 2009, die Bundeswehr-Oberst Klein befohlen hat; ein Angriff bei dem nach offiziellen Angaben 142 afghanische Zivilisten ums Leben kamen. Spätestens seit diesem Moment scheint noch mehr Menschen klar geworden zu sein: „Deutschland befindet sich in Afghanistan mitten in einem blutigen Krieg.“

Verteidigungsminister zu Guttenberg gebraucht neuerdings auch den Begriff „Krieg“ und sagt, dass der Bundeswehreinsatz „von Anfang an auch ein Kampfeinsatz“ war. Doch warum benutzt Verteidigungsminister zu Guttenberg als erster Politiker in diesem Amt das Wort Krieg. Nach acht Jahren Krieg endlich Ehrlichkeit und Offenheit eines deutschen Verteidigungsministers in dieser Frage? Warum? Ist zu Guttenberg einfach zu ehrlich für diese Welt? Oder dient die Akzeptanz des Begriffs nur dazu ein noch robusteres, härteres, offensiveres Vorgehen zu ermöglichen, ohne das ständig die Staatsanwaltschaft bei Massakern  ermitteln muss? Was zu Guttenberg in Bezug auf den Afghanistan Krieg vorschwebt ist unklar. Er erklärt zumindest öffentlich, dass Parlamentarier und Medienvertreter von Anfang an ein „Zerrbild“ des Bundes- wehreinsatzes gezeichnet haben.

Von den beiden ehemaligen Verteidigungsministern Rühe und Struck drückt sich Rühe noch etwas deutlicher aus, ohne dass er direkt das Wort Lüge in den Mund nimmt. Er stellt fest, dass in Bezug auf den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan „nicht die Wahrheit gesagt“  wurde. Struck sagt lediglich, dass man die Lage damals „falsch eingeschätzt“ habe. Ihm zufolge wäre es die Aufgabe der Kanzlerin gewesen, die Tragweite des Einsatzes der Bevölkerung zu erklären, was er Merkel auch gesagt habe. Immerhin! Scharping der zu Beginn des Afghanistan-Krieges deutscher Verteidigungsminister war, taucht in dem Film leider nicht auf. Sein SPD-Parteikollege und lang amtierende Wehrbeauftragte des deutschen Bundestages, Robbe, ist der Auffassung, dass wir „andere Denkansätze, andere Konzepte“ brauchen, denn „die bundesrepublikanische Öffentlichkeit, sollte sich besser darüber im Klaren sein, was in Afghanistan los ist.“

Dass in Afghanistan wohl ein bisschen mehr los ist, als bisher gesagt und berichtet wurde, macht der Film deutlich, auch wenn nicht explizit betont wird, dass der Krieg völliger Irrsinn ist. Es gibt keine vernünftige Strategie. Ohne einen Zweck kann es diese natürlich auch schwerlich geben. Zu einem ernst zu nehmenden Sinn und Zweck des Krieges äußert sich leider keiner der interviewten Gesprächspartner. Der einzige der das Wort „Zweck“ benutzt ist „Sebastian D.“, Hauptfeldwebel der deutschen Quick Reaction Force (QRF) des Lagers auf der sogenannten „Höhe 431“. Er  sagt: „ Zweck der Patrouille ist, dass die Bevölkerung einfach sieht, dass wir nicht einfach nur die „Höhe 431“ halten und von dort aus beobachten, sondern das wir auch einfach Präsens im Raum zeigen….äh, wir haben zwar jetzt keinen Sprachmittler dabei, aber mit Händen und Füßen kann man sich doch verstehen….. und es ist einfach nur, das sie sehen, dass wir da sind.“

Das ist natürlich großartig, dass „wir“ da sind, mit Stahlhelm und Sturmgewehr. Aber mal im Ernst: Wer die Kriegstheorie von Carl von Clausewitz kennt oder einen halbwegs gesunden Menschenverstand hat, weiß: wenn man in den Krieg zieht, muss dieser auch einen politischen Zweck verfolgen. Da es aber noch nie einen plausiblen politischen Zweck für den Afghanistan Krieg gab, der als Richtschnur für eine wie auch immer geartete militärische Strategie dienen kann, scheint die Präsenz vor Ort und das Eigenschutzbedürfnis der Soldaten zum Selbst-Zweck des Krieges verkommen zu sein. Ein größerer Un-, Irr- oder Wahnsinn ist angesichts der unzähligen Opfer auf beiden Seiten wohl schwer vorstellbar!

Bleibt zu hoffen, dass die Politik und die von ihr entsandten Soldaten endlich begreifen, dass es dieses Blutbad schnellstmöglich zu beenden gilt. Den Friedensdialog einleiten, anstatt im militärischen Sinne auf „Tuchfühlung mit dem Feind“ zu gehen. Kopfloser als die Fortführung und die sich abzeichnende Ausweitung des Krieges kann ein Rückzug aus Afghanistan nicht sein. Wie Rühe eingangs des Filmes zitiert wird, gilt es das Abenteuer Afghanistan endlich zu beenden. Und das sollte lieber früher als später geschehen, bevor noch mehr unschuldige Afghanen getötet werden und noch mehr Zinnsärge mit gefallenen Soldaten aus dem Krieg zurück kommen.

Video anschauen!

Teil 1; Teil 2; Teil 3; Teil 4; Teil 5

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Nachtrag zum Artikel:

Georg Schramm über den Sinn des Kriegs in Afghanistan; (4 min)

Video anschauen!

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Weitere Videobeiträge zum Thema Afghanistan-Krieg:

Interview von NuoViso mit Christoph Hörstel, einem der besten deutschen Kenner der Region Afghanistan und Pakistan

Krieg im Kopf – Rückkehr aus Afghanistan; (30 min)

Afghanische Friedensaktivistin Malalai Joya spricht zu “Krise und Widerstand“, (22 min)

Private: Angela Merkel`s Rede vor dem US-Kongress; ARD (3 min)

The Power of Nightmares, 3-teilige BBC-Dokumentation; 2004 (178 min)

Obama – Ein Marketing Traum (6 min)


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One response

25 09 2010
An vordersten Fronten – Kriegsalltag in Afghanistan; (44 min) « ReWASH TV

[…] * Die ARD sendete diese Dokumentation am Mittwoch, 22. September 2010 um 00:00 Uhr. Das ZDF strahlte im Frühjahr 2010 ebenfalls unter der Woche und noch etwas später die Dokumentation “Die Afgahnistan-Lüge” aus. […]

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